Legasthenie oder LRS? Warum die Diagnose zweitrangig ist, wenn die Hilfe stimmt
- vor 6 Tagen
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„D – O – S – E.“
Dein Kind starrt auf das Papier. Es hat das Wort gerade schon dreimal gelesen, doch jetzt wirkt es wieder wie eine unlösbare Hieroglyphe. Am Küchentisch macht sich Frust breit. Und in der Schule fallen bereits Begriffe wie LRS oder Legasthenie, Test und Diagnose.
Wie jetzt? Ist mein Kind krank? Als Eltern stürzt man in diesem Moment oft in einen Dschungel aus Fachbegriffen, die erst mal eines machen: Angst.
Lass mich das Chaos ein wenig lüften.
Was ist LRS? Was ist Legasthenie?
Legasthenie oder LRS? Ähnlich wie bei Rechenschwäche und Dyskalkulie wird hier in der Fachwelt oft scharf getrennt, doch für dein Kind im Alltag fühlen sich beide Herausforderungen gleich an. Hier ist die Kurzfassung:
LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche): Wird oft als „erworben“ bezeichnet. Die Ursachen können vielfältig sein: familiäre Krisen, ein Umzug, lange Krankheiten oder einfach ein ungünstiger Start beim Schriftspracherwerb.
Legasthenie: Gilt oft als genetik- oder anlagebedingt. Sie ist meistens „da“, unabhängig von der Intelligenz oder dem Übungsaufwand, und betrifft oft die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen.
Das Wichtigste für euch: Egal, welches Etikett auf der Situation klebt – dein Kind leidet unter dem Druck und den ausbleibenden Erfolgen.
Woran merkt man Legasthenie oder LRS? – Klassische Anzeichen im Überblick
Oft ist es nicht die eine schlechte Note, sondern ein Bauchgefühl, das Eltern sagt: Hier stimmt etwas nicht. Auch wenn jedes Kind individuell ist, gibt es ein paar rote Flaggen, die immer wieder auftauchen.
LRS-Anzeichen beim Lesen:
Stockendes Vorlesen: Das Kind „erliest“ sich mühsam jeden Buchstaben, anstatt Wörter als Ganzes zu erkennen.
Wörter raten: Aus „Haus“ wird plötzlich „Hund“, weil das Kind versucht, das Wort aus dem Kontext oder dem ersten Buchstaben zu erraten.
Verlust der Zeile: Das Kind verrutscht ständig in der Zeile oder verliert den Fokus.
LRS-Anzeichen beim Schreiben:
Buchstaben-Salat: Buchstaben werden vertauscht (typisch: b und d, p und q), weggelassen oder hinzugefügt.
Variantenreiche Fehler: Das gleiche Wort wird im selben Text auf drei verschiedene Arten falsch geschrieben.
Abschreib-Hürden: Selbst das fehlerfreie Abschreiben von der Tafel oder aus dem Buch ist eine enorme Kraftanstrengung.
LRS-Anzeichen in Wahrnehmung & Konzentration:
Schnelle Ermüdung bei Aufgaben mit Schrift.
Schwierigkeiten, sich Rechtschreibregeln zu merken, obwohl sie theoretisch „gelernt“ wurden.
Warum eine Legasthenie-Diagnose oft überbewertet wird
Natürlich ist eine offizielle Diagnose wichtig, um etwa einen Nachteilsausgleich oder einen Notenschutz in der Schule zu bekommen. Aber: Eine Diagnose ist kein Therapieplan.
Ein Stempel sagt dir, dass dein Kind Schwierigkeiten beim Lernen hat. Er sagt dir aber nicht, wie dein Kind am besten lernt, was es motiviert und wie wir das Selbstbewusstsein wieder aufbauen, das unter den roten Korrekturen gelitten hat.
Deshalb ist die Diagnose zweitrangig, sobald wir mit dem Training beginne. Wir arbeiten nicht am „Befund“, wir arbeiten gemeinsam mit dem Kind an einer Lösung.
Schluss mit den Vorurteilen: Der kleine Mythen-Check
Bevor wir darüber sprechen, wie Hilfe aussieht, müssen wir mit ein paar „Gespenstern“ aufräumen, die Eltern oft unnötig belasten. Vielleicht hast du den einen oder anderen Satz auch schon im Umfeld gehört – lass uns die Fakten klären.
Mythos 1: „Das Kind ist einfach faul und muss mehr üben.“
Die Realität: Kinder mit LRS oder Legasthenie arbeiten oft zwei- bis dreimal so hart wie ihre Mitschüler:innen. Das Problem ist nicht mangelnder Fleiß, sondern dass das „herkömmliche“ Üben bei ihnen nicht greift. Wer ständig gegen eine Wand läuft, ist nicht faul – er braucht nur eine Leiter.
Mythos 2: „Lese-Rechtschreib-Probleme haben etwas mit der Intelligenz zu tun.“
Die Realität: Ein ganz klares Nein! Legasthenie tritt durch alle Intelligenzstufen hinweg auf. Viele Betroffene sind sogar überdurchschnittlich kreativ, denken in komplexen Bildern oder sind wahre Logik-Genies. Berühmte Legasthenie-Betroffene wie Harry Potter-Darsteller Daniel Radcliffe, Albert Einstein oder Walt Disney zeigen: Die Rechtschreibung sagt rein gar nichts über das Potenzial eines Menschen aus.
Mythos 3: „Das verwächst sich von alleine.“
Die Realität: Zeit alleine heilt hier leider keine Bildungslücken. Ohne die richtigen Strategien verfestigen sich die Fehler und – was noch schlimmer ist – der Frust. Meistens „kracht“ es spätestens in der dritten Klasse. Bis dahin können betroffene Kinder ihre Lernschwäche noch durch Auswendiglernen oder andere Strategien kompensieren, doch aufholen wird von Woche zu Woche schwieriger. Je früher wir ansetzen und dem Kind zeigen, wie es auf seine Weise lernen kann, desto schneller kehren die Fortschritte und damit das Selbstbewusstsein zurück.
Was passiert im LRS/Legasthenie-Training bei mir?
Wenn du mit deinem Kind zu mir kommst, lassen wir den Leistungsdruck in der Garderobe Platz nehmen und dort bleibt er. Mein Training basiert auf drei Säulen:
Die Null-Fehlertoleranz-Pause: Bis zur „Null-Fehler-Grenze“ schauen wir uns an, was dein Kind bereits kann. Ohne Druck und Überforderung stärken wir das Fundament. Mit wiederhergestelltem Selbstvertrauen gehen wir los. Wo unser Startpunkt liegt, ist so einzigartig wie dein Kind.
Sinnliches Begreifen: Wir nutzen viel mehr als nur Papier und Bleistift. Wir bauen Wörter, wir fühlen Rhythmen, wir hüpfen Buchstaben und wir rechnen, ohne es zu merken. Unkonventionelle Methoden machen endlich Spaß! Fernab von Schul- und Schreibtisch-Alltag helfen sie, das Gehirn zum Lernen einzuladen, statt es zu stressen. So wird lernen leicht.
Die emotionale Brücke: Als „Mum of 2“ weiß ich: Hausaufgabenstress kann die ganze Familie vergiften. Wir arbeiten an Strategien, die den Druck rausnehmen, damit du wieder „nur“ Mama oder Papa sein darfst – und nicht ständig mahnender Zeigefinger oder Hilfslehrer:in.
Lesen und Schreiben schon im Kleinkindalter fördern
LRS-Prävention beginnt lange vor dem ersten Schultag. Du musst nicht ‚Schule spielen‘, um dein Kind vorzubereiten. Die besten Werkzeuge sind Neugier und Freude an der Sprache:
Vorlesen als Ritual: Es ist der Klassiker, aber er wirkt Wunder. Kinder, denen viel vorgelesen wird, entwickeln ein besseres Gefühl für Satzbau und Wortschatz.
Reime & Wortspiele: ‚Was reimt sich auf Haus?‘ Solche Spiele schulen das Gehör für die Laute innerhalb eines Wortes (Phonologische Bewusstheit) – die wichtigste Basis für späteres Schreiben.
Alltags-Schrift: Lass dein Kind den Einkaufszettel ‚malen‘, zeige ihm Straßenschilder oder schreibe selbst immer wieder Notizen mit der Hand. So lernt dein Kind: Buchstaben haben eine Bedeutung, sie ‚sagen‘ uns etwas.
Feinmotorik fördern: Malen, Kneten oder Basteln bereitet die Handmuskulatur spielerisch auf das spätere Halten des Stifts vor.
Tipp: Ideen für Schulkinder mit Legasthenie oder LRS findest du in meinen Beiträgen „10 spielerische Alltagstipps: So wird dein Kind ganz nebenbei zum Lese-Profi“ und „Tschüss, Fehlerteufel! 10 kreative Ideen, wie dein Kind im Alltag richtig schreiben lernt.“
Mein Fazit als Lernbegleiterin
Ob Legasthenie oder LRS – dein Kind ist keineswegs „weniger begabt“ und schon gar nicht „falsch“ oder „dumm“. Es braucht lediglich eine andere Route, um den Gipfel zu erklimmen. Wenn die Unterstützung individuell und wertschätzend ist, kann die Diagnose ganz schnell in den Hintergrund rücken.
Fühlt sich der Hausaufgaben-Nachmittag bei euch auch gerade wie ein Kampf an? Melde dich bei mir für ein unverbindliches Erstgespräch – wir finden heraus, wie wir wieder Leichtigkeit in euer Lernen bringen.




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