Hilfe, mein Kind hasst Mathe! So erkennst du eine Rechenschwäche (und handelst rechtzeitig).
- vor 6 Tagen
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„Stell dir vor, du hast fünf Äpfel und nimmst zwei weg…“
Ein Satz, der so oder ähnlich jeden Tag in vielen Haushalten fällt — und oft in Tränen endet. Während andere Kinder bereits im Kopf jonglieren, starrt dein Kind die Rechenaufgabe an, als wäre sie in einer fremden Sprache verfasst (Spoiler: ist sie in vielen Fällen auch). Die Finger werden unter dem Tisch zur Hilfe genommen, und die Motivation sinkt mit jeder Minute unter den Nullpunkt.
Wenn Mathe zum roten Tuch wird, steckt oft mehr dahinter als bloße „Unlust“. Es könnte eine Rechenschwäche oder Dyskalkulie sein – und je früher wir das erkennen, desto eher bekommt dein Kind sein Lächeln beim Lernen zurück.
Dyskalkulie oder Rechenschwäche – wo liegt der Unterschied?
Ähnlich wie bei Legasthenie und LRS gibt es hier eine feine Unterscheidung, die vor allem für Gutachten wichtig ist:
Dyskalkulie: Gilt oft als tiefgreifende Beeinträchtigung des mathematischen Denkens, die neurobiologische Ursachen haben kann. Sie ist unabhängig von der allgemeinen Intelligenz.
Rechenschwäche: Wird häufig als vorübergehende Schwierigkeit gesehen, die durch versäumten Stoff, ungünstige Lehrmethoden oder emotionale Blockaden entstanden ist.
Das Wichtigste für dich: Für die Förderung deines Kindes ist der Name zweitrangig. Wenn die Basis (das Verständnis von Mengen) fehlt, nützt das Etikett nichts – wir müssen dort ansetzen, wo der rote Faden verloren ging.
Warum eine Diagnose nicht immer ratsam ist
Wer „Dyskalkulie-Test“ googelt erhält über 100.000 Ergebnisse. Klar, wenn ein Kind Probleme beim Rechnen hat, muss es wohl getestet werden. Ich sehe darin allerdings (mindestens) drei Probleme:
Ein Testergebnis ist eine Momentaufnahme und lässt oft nicht zwingend auf eine Rechenschwäche oder Dyskalkulie schließen. Vielleicht hatte dein Kind gerade einen schlechten Tag, vielleicht mochte es die Person nicht, die den Test durchgeführt hat, vielleicht hatte es gerade keine Lust, sich anzustrengen. Dieses Problem kann natürlich mit mehreren Testungen gelöst werden — aber das dauert (und kostet).
Ein offizieller Test (oder mehrere) und die Auswertung kann sich über mehrere Wochen oder Monate hinziehen. Wenn du merkst, dass dein Kind leidet und den Anschluss verliert, handle sofort. Eine professionelle Lernbegleitung braucht keinen Stempel vom Amtsarzt, um wirksam zu sein. Je früher wir spielerisch das Mengenverständnis stärken, desto weniger „Mathe-Angst“ kann sich überhaupt erst festsetzen.
Wurde dein Kind offiziell auf Rechenschwäche oder Dyskalkulie getestet, indem es bei den Testaufgaben unterdurchschnittlich abschneidet, erhält es nicht nur eine Diagnose, sondern auch einen Stempel. „Ich kann nicht rechnen.“ Das führt kurzfristig zur Erleichterung, weil Eltern und Lehrkräfte den Druck rausnehmen. Langfristig nagt es am Selbstwert und führt zu falschen Glaubenssätzen wie „Ich werde nie rechnen können.“, „Mit mir stimmt etwas nicht.“ oder „Ich bin zu dumm.“
Mythen-Check: Vorurteile zu Rechenschwäche und Dyskalkulie
Egal ob mit oder ohne Diagnose, wer in Mathe anders oder langsamer lernt, als andere, ist noch lange nicht dumm! Das ist nur eines der Vorurteile, welche es in Zusammenhang mit Rechenschwäche oder Dyskalkulie auszuräumen gilt.
Mythos 1: „Wer schlecht in Mathe ist, kann nicht logisch denken.“
Falsch. Viele Kinder mit Dyskalkulie brillieren in anderen logischen Bereichen (z. B. Strategie-Spielen oder Technik). Ihr Gehirn verarbeitet lediglich die abstrakten Symbole „Zahlen“ anders und weist eine extrem hohe Kreativität auf.
Mythos 2: „Das 1x1 muss man doch nur auswendig lernen.“
Leider falsch. Auswendiglernen ist eine beliebte Kompensationsstrategie, mit der betroffene Kinder ihre Rechenschwäche erstmal überspielen können. Spätestens in der dritten Klasse (im 1000er-Raum) funktioniert das aber nicht mehr. Denn Auswendiglernen ist kein Rechnen. Ohne das Verständnis, was „3 mal 4“ eigentlich bedeutet (nämlich drei Häufchen zu je vier Dingen), bleibt Mathe ein reines Glücksspiel.
Mythos 3: „Mädchen sind in Mathe eben schlechter.“ oder „Meine Mama kann ja auch nicht rechnen.“
Völliger Quatsch. Weder rechnerische Begabung noch Dyskalkulie ist vererbbar oder macht einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Der in Studien immer wiederkehrende Umstand, dass Mädchen in Mathematik schlechter abschneiden als Jungs, liegt in vielen Fällen an der „self fulfilling prophecy“. Lehrer:innen erwarten andere Ergebnisse von Mädchen als von Jungs — und bewerten auch dementsprechend. „Ich kann nicht rechnen“ ist somit viel zu häufig ein typisch weiblicher Glaubenssatz.
Woran erkenne ich bei meinem Kind eine Rechenschwäche?
In der Montessori-Pädagogik spricht man von Fenstern. Mit etwa 5 Jahren, öffnet sich das Fenster der Mathematik — in ca. diesem Alter beginnen die Kinder zu zählen. Manche Kinder tun das allerdings nicht von selbst. Das könnte bereits ein erstes Anzeichen für eine spätere Rechenschwäche sein.
Von Rechenschwäche oder Dyskalkulie betroffene Kinder vergessen Gelerntes oft schnell, brauchen lange für Hausaufgaben und entwickeln oft eine regelrechte Mathe-Angst. Erste Probleme zeigen sich häufig in der Grundschule, treten zum Teil aber bereits im Vorschulalter auf (wenn man weiß, worauf zu achten ist).
Mögliche Signale für Rechenschwäche/Dyskalkulie sind:
Fehlendes Verständnis für Zahlen und Mengen — Eine Fünf ist ein Zeichen auf dem Papier und wird nicht als Menge gedeutet; Würfelaugen werden gezählt anstatt mit einem Blick erfasst zu werden.
Schätzen fehlt schwer — Sind das 8 Murmeln oder 20?
Logische Rechenstrategien fehlen — Kinder mit Rechenschwäche lösen Plus- und Minus-Aufgaben, indem sie an den Fingern vorwärts und rückwärts zählen. Rückwärts zählen ist dabei oft sehr schwierig.
Gedächtnisprobleme durch unzureichendes Verständnis — Grundrechenarten und das 1x1 werden trotz intensiver Wiederholung nur sehr langsam oder gar nicht gespeichert.
Häufige Verwechslungen — Zahlendreher (17 statt 71) und falsche Stellenwerte (25 statt 205) treten nahezu täglich auf.
Auffälligkeiten im Alltag — Bei allem, was mit Zahlen oder Mengen zu tun hat, treten grobe, nicht „altersgemäße“ Unsicherheiten auf (Uhrzeit, einkaufen, backen, etc.)
Bei Verdacht sollte frühzeitig das Gespräch mit Lehrkräften gesucht und gegebenenfalls eine professionelle Förderdiagnostik in Betracht gezogen werden, da Üben allein hier oft nicht hilft.
Was du bereits im Vorfeld (und begleitend) tun kannst
Mathematik findet nicht nur im Heft statt! Du kannst dein Kind unterstützen, indem du Zahlen „begreifbar“ machst:
Zählen, zählen, zählen: Wer nicht zählen kann, kann auch nicht rechnen. Die Möglichkeiten, zählen zu üben, sind schier unendlich: Wieviele Klopapierrollen haben wir noch zuhause? Wieviele Regenwürmer finden wir auf dem Nachhauseweg? Wieviele Gummibärchen sind noch in der Packung? Hat das Puzzle wirklich 24 Teile? Wieviele davon passen schon zusammen? Profi-Tipp: Wieviele Schritte sind es bis zur Schule? Und daher wieviele Meter?
Würfeln: Würfelspiele fördern die Simultanerfassung, also das schnelle Erkennen von Mengen (man sieht die 5 Augen und weiß sofort: Das sind fünf).
Spielerisch üben: Zahlreiche Gesellschaftsspiele zielen darauf ab, Zahlen zu erkennen und zu verstehen ab. Dazu gehören beispielsweise Rechenkapitän, SkipBo, Zahlenzauber, UNO oder Taschengeld.
Backen & Kochen: Schätzen, Abwiegen und Abmessen macht die Küche zum Rechen-Labor. Auch nach dem Backen wartet die Mathematik. Wieviele Schoko-Cookies bekommt jedes Kind, damit es gerecht ist? In wieviele Teile muss man den Kuchen teilen, damit jeder ein Stück bekommt? Bleibt etwas übrig? Wieviele Kekse sind auf dem Blech, wenn 5 Reihen drauf passen und jede Reihe aus 8 Keksen besteht?
Alltags-Mathe: „Jeder bekommt zwei Eiskugeln. Wieviel kostet das für uns vier?“ „Wieviele Stufen sind es bis zu unserer Wohnung? Wieviele Schritte brauchst du, wenn du immer zwei auf einmal nimmst?“ „Reicht dein Taschengeld für das Lego-Set? Wie lange musst du noch sparen?“ „Wir brauchen 6 Batterien für den Zug. Ich hab aber erst 2 gefunden.“ Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!
Mathe to go: Bewegung hilft unserem Gehirn, neue Verbindungen zu knüpfen und Dinge abzuspeichern. Denkt euch beim Spazierengehen Rechengeschichten aus, übt das 1x1 auf dem Trampolin oder hüpft im Zahlenraum 10 die Ergebnisse von Plus und Minus. Das hilft und macht Spaß!
Tipp: Noch mehr Ideen findest du in meinem Artikel „Mathe ist überall: 10 simple Alltags-Hacks, die Zahlen für dein Kind begreifbar machen.“
Was passiert im Rechen-Training bei mir?
In den meisten Fällen lassen wir die abstrakten Zahlen erstmal beiseite. Bei den meisten Kindern scheitert es am Grundverständnis. Sie müssen Mathe BEGREIFEN. In der Schule wird das gemacht, aber für manche Kinder zu wenig. Mein Training basiert auf drei Säulen:
Die Null-Fehler-Grenze: Wir finden gemeinsam heraus, auf welcher Stufe der mathematischen Lernleiter dein Kind steht und arbeiten an der jeweiligen Basis. Falsche Glaubenssätze wie „Ich kann nicht rechnen“ werden aufgelöst. Wo unser Startpunkt liegt, ist so einzigartig wie dein Kind.
Erleben und begreifen: Wir arbeiten mit den unterschiedlichsten Materialien. Bauklötze, Lego-Steine, Murmeln, Perlen oder Tiere helfen, das Verständnis für Zahlen und Mengen zu erreichen und zu festigen. Alle Übungen sind spielerisch gestaltet. Ziel ist, dass dein Kind mit Freude mitarbeitet und Erfolgserlebnisse feiert. So gelingen wieder Fortschritte und statt Druck und Stress entstehen Lernmotivation und Selbstvertrauen.
Die emotionale Brücke: Als „Mum of 2“ weiß ich: Hausaufgabenstress kann die ganze Familie vergiften. Wir arbeiten an Strategien, die den Druck rausnehmen, damit du wieder „nur“ Mama oder Papa sein darfst – und nicht ständig mahnender Zeigefinger oder Hilfslehrer:in.
Fühlt sich der Hausaufgaben-Nachmittag bei euch auch gerade wie ein Kampf an? Melde dich bei mir für ein unverbindliches Erstgespräch – wir finden heraus, wie wir wieder Leichtigkeit in euer Lernen bringen.



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