Fehler sind keine Gegner – warum Leistungsdruck Lernen verhindern kann

„Ich glaub, ich weiß es! Aber wenn ich jetzt etwas Falsches sage, schauen wieder alle so komisch.“
„Ich kann das. Aber was, wenn ich doch was falsch mache?“
„Ich will das nicht vorlesen. Dann geht das Kichern wieder los.“
Sagt dein Kind solche Sätze? Oder denkst du sie vielleicht manchmal sogar selbst?
Ich kann mich noch erinnern, als ob es gestern gewesen wäre: Meine Mama schickte mich einkaufen. Ich sollte ein Stück Speck kaufen, weil der Opa am Abend zu Besuch kam. Also ging ich in unserem kleinen Dorf zu unserem kleinen Nahversorger und zeigte an der Feinkost-Theke auf das Stück Speck hinter dem Glas. Die freundliche Verkäuferin nahm das Stück Speck, legte es auf die Schneidmaschine und schnitt es in dünne Scheiben. Danach wickelte sie sie in Papier und reichte mir lächelnd das Päckchen.
Zuhause hörte ich: "Nein, was ist das denn? Du hättest doch ein ganzes Stück nehmen sollen! Der Opa mag das so nicht! Herrje, was mach ich denn da jetzt damit?"
Meine Mama hat nicht wirklich geschimpft. Aber alleine schon die Gewissheit, etwas falsch gemacht zu haben, löste in mir den Gedanken aus: "Ich kann das nicht. Ich geh nicht mehr einkaufen. Ich geh dort nie wieder hin!"
Tatsächlich dauerte es Monate, bis ich mich wieder in den Laden traute. Und übrigens nie wieder etwas Falsches kaufte.
Was aus heutiger Sicht total übertrieben klingt, ist für viele Kinder Schulalltag. Fehler machen ist einfach kein schönes Gefühl. Aber das kann sich ändern, wenn wir richtig damit umgehen.
Wie geht dein Kind mit Fehlern um?
Sitzt dein Kind manchmal vor den Hausaufgaben und bei einer - eigentlich - machbaren Aufgabe geht plötzlich gar nichts mehr? Dein Kind radiert, beginnt von vorne. Radiert wieder, murrt, weil die Seite schon Knitterfalten hat. Fragt fünfmal nach oder schaut einfach nur auf das Buch, dann wieder auf das leere Blatt. Nur ja keinen Fehler machen!
Aber je größer die Angst vor dem Fehler wird, desto schwieriger wird Lernen.
Denn wer unbedingt vermeiden möchte, etwas falsch zu machen, steht immens unter Druck. Und unter Druck wird es nicht unbedingt leichter, sich zu konzentrieren, nachzudenken oder etwas Neues auszuprobieren.
Dabei sind Fehler bei Weitem kein Scheitern. Sie gehören zum Lernen genauso dazu wie Erfolge.
Kein Kind kann alles sofort
Niemand lernt etwas Neues, ohne dabei Fehler zu machen.
Ein Kind, das gerade lesen lernt, wird Wörter falsch aussprechen.
Ein Kind, das Schreiben übt, wird Buchstaben vertauschen.
Ein Kind, das zum ersten Mal vor einer Mal- oder Textaufgabe sitzt, wird sich verrechnen.
Auch Erwachsene machen Fehler – beim Rechnen, Kochen, Autofahren oder generell beim Versuch, etwas Neues zu lernen. Trotzdem vermitteln wir Kindern manchmal unbewusst: „Mach ja keinen Fehler! Fehler sind schlecht.“
Ein roter Strich unter dem Wort oder ein falsches Ergebnis verursachen ein enttäuschtes Gesicht. Und vielleicht einen verständnislosen Kommentar wie „Das haben wir doch schon hundertmal geübt! Wieso klappt das nicht?“
Für ein Kind kann daraus schnell eine andere Botschaft werden: „Ich habe einen Fehler gemacht. Also kann ich es nicht.“
Und noch schwieriger wird es, wenn ein Kind erlebt, dass andere Kinder etwas längst können, während es selbst noch daran arbeitet.
Dann geht es irgendwann gar nicht mehr nur um die Aufgabe.
Dann klopft bereits die Angst an, nicht gut genug zu sein.
Keine Angst vor Fehlern bedeutet leichter lernen
Wenn ein Kind ständig darauf bedacht ist, bloß nichts falsch zu machen, wird das Lernen unnötig schwierig und das Kind zunehmend unsicher.
Es traut sich weniger zu und verliert die Neugier, Dinge auszuprobieren.
Es fragt nicht mehr nach, um sich keine Blöße zu geben.
Und es vermeidet Aufgaben, bei denen es nicht sicher ist, ob es sie schaffen wird.
Aus „Ich weiß es noch nicht.“ wird dann schnell: „Ich kann das nicht.“ Und dann dauert es nicht mehr lange bis zu: „Also mache ich es nicht.“
Deshalb braucht ein Kind beim Lernen vor allem eines: das Gefühl, dass es Fehler machen darf. Es muss wissen:
Ich werde nicht ausgelacht, beschämt oder abgewertet, wenn ich etwas noch nicht kann. Ich darf es ausprobieren. Und ich darf dabei Fehler machen.
Das gilt zuhause genauso wie in der Schule.
Fehler sind Helfer – aber nur, wenn wir verstehen, was sie uns zeigen
„Fehler sind Helfer“ ist ein schöner Satz, mit dem ich "meinen" Kindern im Training oft die Angst davor nehmen kann. Aber ich finde, er braucht eine Ergänzung. Denn ein Fehler hilft uns nur dann, wenn wir herausfinden, was er uns eigentlich sagen möchte.
Nehmen wir ein Diktat.
Ein Kind macht zwölf Fehler, ein anderes macht elf.
Auf dem Papier sieht das erst einmal ziemlich ähnlich aus. Beide könnten dafür dieselbe Note bekommen.
Aber bedeutet das automatisch, dass beide Kinder genau dasselbe können - oder eben nicht können?
Vielleicht verwechselt das eine Kind immer wieder „b“ und „d“ oder „ie“ und „ei“.
Beim anderen fehlen vor allem Endungen oder ganze Wörter.
Vielleicht schreibt ein Kind Wörter, die es eigentlich kennt, dreimal anders falsch.
Und ein anderes Kind kommt mit der Großschreibung von Nomen nicht klar.
Die Anzahl der Fehler sagt also bei Weitem nicht, wo genau das Problem liegt.
Und genau da wird es beim Lernen interessant. Denn hier ist der Punkt wo der Ratschlag "du musst mehr üben" nicht hilft.
Nicht jeder Fehler braucht dieselbe Übung
Stell dir vor, dein Kind hat bei einer Rechenaufgabe im Zahlenraum bis 1000 viele Fehler.
Die schnelle Schlussfolgerung könnte sein: „Du kannst das noch nicht. Du musst mehr rechnen üben.“
Also gibt es noch zehn Rechenaufgaben.
Und am nächsten Tag noch zehn.
Aber vielleicht liegt das Problem ganz woanders.
Vielleicht fehlt noch das Mengenverständnis im Zahlenraum bis 100.
Oder der Zehnerübergang ist noch unsicher.
Oder dein Kind verwechselt Stellenwerte.
Oder es versteht die Aufgabe eigentlich, braucht aber viel länger als andere und macht deshalb irgendwann Flüchtigkeitsfehler.
Mehr vom Gleichen zu üben, hilft dann möglicherweise nicht weiter.
Ähnlich bei einer Textaufgabe:
Dein Kind kommt nicht auf die richtige Lösung.
Also heißt es schnell: „Du musst besser rechnen.“
Aber vielleicht kann dein Kind die Rechnung sogar lösen.
Nur die Aufgabe wurde nicht richtig verstanden. Dann liegt die eigentliche Lernhürde möglicherweise beim sinnerfassenden Lesen.
Der Fehler zeigt uns also nicht: „Hier muss geübt werden.“
Er zeigt uns vor allem: „Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.“
Die passende Lernkultur: Was können wir aus dem Fehler lernen?
Lernen funktioniert nicht nach dem Gießkannenprinzip. Kinder lernen nicht alle auf dieselbe Weise und auch nicht an derselben Stelle. In einer Klasse mit 20 oder mehr Kindern ist es deshalb eine große Herausforderung, dass alle gleichzeitig auf demselben Lernstand bleiben. Der Lehrplan wartet trotzdem nicht auf einzelne Kinder.
Wenn ein Kind etwas noch nicht kann, brauchen wir deshalb nicht automatisch mehr Übung, sondern zunächst die richtige Frage:
Was genau ist hier noch nicht sicher?
Vielleicht fehlt eine wichtige Grundlage.
Vielleicht wurde etwas noch nicht verstanden.
Vielleicht ist ein Lernschritt zu groß.
Vielleicht braucht das Kind eine andere Erklärung.
Vielleicht fehlt die nötige Sicherheit, um das Gelernte auch unter Zeitdruck oder in einer Prüfung abzurufen.
Ein Kind muss nicht alles sofort können.
Ein Kind muss nicht so schnell rechnen, so schön schreiben oder so flüssig lesen wie das Kind neben ihm. Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Manche sind bei bestimmten Dingen früher dran, andere brauchen länger. Und das ist völlig legitim.
Ein Kind darf an einer Aufgabe länger arbeiten oder länger brauchen, um etwas zu verstehen. Es darf fragen und ausprobieren.
Und es darf einen Fehler machen, ohne sich dafür schämen zu müssen.
Das bedeutet nicht, dass wir Fehler einfach ignorieren. Ziel ist natürlich nach wie vor, dass die Fehler mit der Zeit weniger werden.
Aber sie dürfen sein.
Vielleicht können wir unseren Blick auf Fehler deshalb ein kleines Stück verändern und Detektiv spielen: Was ist hier passiert? Was hat dein Kind schon verstanden, was fehlt noch? Was hat zu diesem Fehler geführt? An welcher Stelle wird es schwierig? Welche Fehler tauchen immer wieder auf? Und was wäre der nächste kleine Schritt?
So wird aus einem roten Kreuz auf dem Arbeitsblatt eine Information.
Und aus „Das kannst du noch nicht“ wird: „Jetzt wissen wir, woran wir weiterarbeiten können.“ Genau das gibt einem Kind Sicherheit – und mit der Zeit auch wieder mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Sowohl in der Schule, als auch zuhause macht das einen riesigen Unterschied.
Du möchtest herausfinden, wo es bei deinem Kind gerade hakt?
Wenn dein Kind immer wieder an denselben Stellen Schwierigkeiten hat, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, bevor ihr einfach noch mehr übt.
Mein 15-Minuten-Lern-Check hilft euch dabei, die größten Stolpersteine beim Lernen gemeinsam sichtbar zu machen.
Wo läuft es bereits gut?
Was fällt deinem Kind schwer?
Wo entstehen immer wieder Fehler, Frust oder Unsicherheit?
Und wo könnte ein sinnvoller erster Schritt liegen?
Denn Fehler sind keine Gegner. Sie sind Hinweise darauf, wo dein Kind gerade einen nächsten Lernschritt machen kann.




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